Familienesstisch: Nudeln ohne Soße und ohne Frust

In jeder Familie, die ich kenne, gibt es ein Thema, welches mit Essen und dem Benehmen am Esstisch zu tun hat. Und jede Familie, die ich kenne, hat eigene Vorstellungen und Regeln zum Essen, was mir immer dann auffällt, wenn ich mit meinen Kindern bei Freunden zum Essen eingeladen bin. 

 

Die Konflikte am Esstisch sind weit gesät: 

Manche Kinder essen nur wenige oder sehr ausgewählte Speisen und stellen damit die Geduld ihrer Eltern regelmäßig auf die Probe. Einige Kinder essen sehr schnell und wollen den Esstisch schnellstmöglich wieder verlassen, was mit der Vorstellung ihrer Eltern von einer gemütlichen gemeinsamen Zeit zu Tisch kollidiert. 

Andere Kinder tauchen während des Essens immer wieder weg in ihr Traumland und dehnen den Essensprozess sehr weit aus, was spätestens bei Zeitdruck die Eltern vor eine besondere Herausforderung stellt.

 

Dabei haben alle Eltern das gleiche Ziel: eine entspannte Zeit als Familie gemeinsam am Esstisch, mit leckerem Essen, was allen schmeckt und am liebsten mit fröhlichem Austausch untereinander. Welcher Weg führt zu diesem Ziel und warum ist es so schwer, den besten Weg zu finden?

 

Wie immer beim Thema Familie gilt: Es gibt nicht die eine goldene Regel, die für alle Familien passend ist. Aber es gibt hilfreiche Hinweise, welche die Situation am Esstisch wesentlich verbessern können:

 

Nr. 1: Mein Kind ist genau so richtig, wie es ist

 

Kein Kind entspricht den Vorstellungen, die wir als Eltern an es stellen. Es ist so, wie es ist und so müssen wir es vollumfänglich akzeptieren, ob es uns gefällt oder nicht. Und das ist auch beim Thema essen wichtig. Wenn mein Kind sich monatelang primär von Kartoffeln oder Nudeln ohne Soße ernähren möchte dann tue ich gut daran, das zu akzeptieren. Was nicht bedeutet, dass ich nicht immer mal wieder versuchen kann, es mit anderen Speisen in Berührung zu bringen. Wichtig ist hierbei, dass ich es einlade, etwas Neues zu probieren und nicht, dass es ich es dazu zwinge. Zwang wäre zum Beispiel ein typischer „wenn, dann“- Satz: „Wenn du dein Gemüse nicht isst, gibt es auch keinen Nachtisch.“ Eine Einladung dagegen kann so aussehen: „Ich habe heute Karotten gekocht. Ich mag sie sehr gern mit etwas Butter und ich bin gespannt, ob sie dir auch so gut schmecken wie mir. Magst du probieren?“

Und wenn das Kind probiert und es ihm nicht schmeckt, dann ist es so. Und wenn es gar nicht erst probieren möchte, dann müssen wir seine Antwort und seine Meinung ernst nehmen und respektieren. Und versuchen es ein paar Tage, Wochen oder Monate später noch einmal mit einer Einladung. Wichtig hierbei ist zu wissen, dass Kinder nicht automatisch Mangelerscheinungen haben, weil sie sich unserer Meinung nach zu einseitig ernähren. Die meisten Kinder sind trotzdem kerngesund und nehmen Nährstoffe auf anderem Weg auf, z.B. durch Beeren, Säfte, Rohkost etc.

 

Nr.2: Tischregeln und Tischmanieren

 

Aus unserer eigenen Kindheit haben wir für unsere Familie einige Tischregeln übernommen. In meiner Kindheit habe ich z.B. folgendes gehört: „Halt den Mund und iss!“ „Du musst aufessen, ansonsten kommt der Weihnachtsmann nicht oder sonst darfst du nicht raus zum spielen oder sonst wirst du nicht groß und stark.“ „Iss schön ordentlich.“ „Erst das Gesunde und dann das Süße.“ „Iss schneller, alle warten auf dich.“ „Sitz ordentlich auf deinem Stuhl.“ „Mit vollem Mund spricht man nicht.“ „Was auf den Tisch kommt wird auch gegessen.“ 

 

Sicher hast du auch ähnliches in der Kindheit gehört und vielleicht erinnerst du dich daran, wie du dich in dem Moment gefühlt hast. Ich fühlte mich bei jedem dieser Sprüche falsch, weil ich offenbar unfähig war, ordentlich zu essen und mich am Tisch zu benehmen und mein Appetit ist mir oft vergangen. Natürlich wollen wir bei unseren eigenen Kindern diese Gefühle nicht auslösen und ertappen uns doch manchmal dabei, wie wir selbst den einen oder anderen Spruch verwenden, weil wir uns nicht anders zu helfen wissen. Aber Fakt ist: mit solchen Kommentaren kann die Stimmung am Tisch nicht gemütlich werden.

 

Tischregeln sind per se überhaupt nicht schlimm, sondern wichtig, um einen Rahmen zu schaffen. Es kommt aber auf den Ton an, mit dem man die Regeln seinem Kind vermittelt. Denn das gemeinsame Essen soll doch entspannt werden – und das geht nicht, wenn man einen Befehlston anschlägt.

 

Die Art und Weise der genannten Beispiele ist mitunter sehr verletzend für die Kinder. Wenn wir stattdessen unseren Wunsch klar und liebevoll formulieren, vermeiden wir Verletzungen, hier ein paar Beispiele:

 

„Ich kann verstehen, dass es nicht einfach ist, die Gemüsesuppe zu essen wenn man die ganze Zeit an den Erdbeerkuchen zum Nachtisch denkt. Aber ich möchte gern, dass du zuerst die Suppe isst und hinterher den Kuchen.“

 

„Es ist in letzter Zeit schwierig für mich etwas zu kochen, was dir schmeckt. Kannst du mir ein paar Vorschläge machen, die mir helfen?“

 

„Ich merke, dass du mit deinen Gedanken ganz woanders bist, sagst du mir, worüber du nachdenkst?“

 

Achtet bitte auch darauf, dass eure gewünschten Tischregeln altersgerecht sind. Es ist beispielsweise von einem zweijährigen Kind zu viel verlangt, dass es die ganze Zeit still sitzt und keine Experimente mit dem Essen macht.

 

Nr. 3: Mein Kind hat außerhalb der Essenszeiten Hunger

 

Wer kennt es nicht: Wir haben leckeres für das Abendessen eingekauft und starten gerade mit den Vorbereitungen, da kommt unser Kind und verkündet, dass es jetzt unbedingt etwas essen muss, weil es sonst verhungert. Geben wir ihm nichts, ist es frustriert und das wirkt sich auf unsere Laune beim Kochen aus. Geben wir ihm etwas, isst es nachher beim Abendessen weniger oder gar nichts, was uns ebenfalls frustriert. 

 

Was wir jedoch wissen müssen ist, dass Kinder angeborene Kompetenzen in Bezug auf Essen haben und eine davon ist, dass sie ganz genau wissen, wann sie Hunger haben und wann sie satt sind.  Die gute Nachricht ist, dass aufgrund dessen also weder die Gefahr besteht, dass sie verhungern, noch, dass sie übergewichtig werden. 

 

Und die weniger gute Nachricht ist, dass es passieren kann und wird, dass sie zu unterschiedlichen Zeiten Hunger haben als wir. Wenn wir das akzeptieren und unserem Kind bei einem akuten Zwischenhunger etwas anbieten, was den gröbsten Hunger stillt und es danach vielleicht trotzdem noch eine Kleinigkeit mit uns gemeinsam isst, entspannt das die Lage ungemein.

 

Bei allen drei Punkten ist es wichtig, dass wir zuerst unser Kind so annehmen, wie es ist und es nicht falsch machen. Dann suchen wir gemeinsam mit unserem Kind in liebevollem Ton eine Lösung und lassen uns nicht davon frustrieren, wenn die Realität des gemeinsamen Familienessens nicht mit unseren Vorstellungen übereinstimmt. Essen sollte genussvoll sein, damit alle daran Spaß haben, es ist daher eine gute Lösung es für alle Familienmitglieder so genussvoll wie möglich zu gestalten.

 

Guten Appetit!

 

Dieser Beitrag ist auch als Gastartikel bei www.parentime.de erschienen